Promotionsthema

Analyse und Modellierung der Förderung mathematischer Enkulturation im Übergang Schule-Hochschule durch Prozesse informellen Lernens

Die spezifischen Herausforderungen für Anfängerinnen und Anfänger in einem MINT-Studium  werden insbesondere dem ‚Kulturbruch‘ im Übergang von schulischer zu universitärer Mathematik zugeschrieben, der durch verschiedene Aspekte konstituiert wird. Zu diesen Aspekten zählen etwa die neuen Inhalte, verbunden mit einem neuen theoretischen Anspruch und einer veränderten Konzeptualisierung mathematischer Begriffe, die zu erreichenden Ziele, neue Darstellungsmittel mit einem erhöhten Anspruch an Formalisierung sowie neue Argumentationsweisen und Differenzen bzgl. didaktisch-methodischer Aspekte des Lehrens und Lernens (vgl. Thomas et al. 2015, Hochmuth, Broley, Nardi 2020). Die Vielgestaltigkeit der notwendigen Erweiterung der Handlungsfähigkeit und die damit verknüpften qualitativen Lernschritte (Holzkamp 1993) im Übergang Schule-Hochschule werden in sozio-kulturell orientierten Theorien unter anderem als ein Prozess der “Enkulturation” (Pepin 2014) konzeptualisiert. Adressiert wird damit insbesondere die subjektbezogene Teilnahme an sog. „authentischen“ Aktivitäten der neuen, hochschul-mathematischen Kultur. Das umfasst die Übernahme von Beliefs, Werten, Zielen, Vorgehensweisen und eine Anpassung der eigenen Identität. In kürzlich durchgeführten empirischen Befragungen zur Entwicklung der mathematischen Enkulturation im ersten Studienjahr im Kontext von Brückenvorlesungen und deren Wirkung fanden sich eher negative Ergebnisse. Studierende schienen eher nicht eigenaktiv zu lernen oder den Lernstoff anzuwenden. Sie waren auch tendenziell nicht bereit, Zeit für das Lernen von Neuem zu investieren (Hochmuth et al. 2020).

Im angedachten Dissertationsprojekt sollen Fördermöglichkeiten  mathematischer Enkulturationsprozesse unter anderem vor dem Hintergrund von Bachelards (2002) Konzept  wissenschaftlicher Erfahrung, das kognitive und affektiv- motivationale Aspekte integriert, analysiert und modelliert werden.  Gemäß dieser Sicht würden Enkulturationsprozesse nicht allein als kontinuierliche Entwicklungsschritte auf der Grundlage von Schulerfahrungen verstanden, sondern auch als ein zu diesen im Widerspruch stehenden (unvermeidlichen) Bruch.  Diesbezügliche Schritte der Entwicklung wissenschaftlicher Erfahrung werden im Kontext der subjektwissenschaftlichen Lerntheorie auch als eine Erweiterung möglicher Bedeutungshorizonte verstanden. Der Beitrag von Aktivitäten des digitalen informellen Lernens zur mathematischen Enkulturation und wie darauf bezogene Prozesse ggf. digital unterstützt werden können ist bisher nicht untersucht, was auch an mangelnden Daten liegt. Verfahren der Learning Analytics bieten hier neue Möglichkeiten zur Analyse und Modellierung relevanter Prozesse.  Nach einer ersten Phase der Analyse aktualer Prozesse informellen Lernens mit Blick auf die Entwicklung der Enkulturation soll eine Fördermaßnahme entwickelt werden, die nachfolgend hinsichtlich ihrer Effekte sowohl qualitativ wie auch quantitativ in einer Design-Based-Studie beforscht werden soll.

Literatur

Bachelard, G. (2002). The Formation of the Scientific Mind. A Contribution to a Psychoanalysis of Objective Knowledge. Avon, UK: The Bath Press.

Hochmuth, R., Nardi, E., Broley, L. (2020) (Im Druck). Transitions to and across university.

Hochmuth, R., Biehler, R., Schaper, N., Kuklinski, C., Lankeit, E., Leis, E., Liebendörfer, M., Schürmann, M. (2020) (Im Druck). Wirkung und Gelingensbedingungen von Unterstützungsmaßnahmen für mathematikbezogenes Lernen in der Studieneingangsphase.

Holzkamp, K. (1993). Lernen: Subjektwissenschaftliche Grundlegung. Campus-Verlag.

Pepin, B. (2014). Student transition to university mathematics education: transformations of people, tools and practices. In Transformation-A Fundamental Idea of Mathematics Education(pp. 65-83). Springer, New York, NY.Thomas, M., de Freitas Druck, I., Huillet, D., Ju, M.K., Nardi, E., Rasmussen, C., Xie, J. (2015). Key mathematical concepts in the transition from secondary school to university. In S.J. Cho, The Proceedings of 12th International Congress on Mathematical Education. (pp. 265-284). Cham: Springer.

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